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Immobilienaktien im Keller - Jetzt investieren?

Seit dem 22. Februar 2022 ist die Finanzwelt nicht mehr dieselbe wie noch am Tag zuvor. Die großen westlichen Nationen mussten infolge steigender Inflation eine 360 Grad Wende in der Finanzpolitik vornehmen, insbesondere die großen Zentralbanken stehen seither im Fokus aller Marktteilnehmer. Vor allem fremdkapitalintensive Wirtschaftssektoren, wie die Immobilien- und Baubranche, stehen vor der größten Herausforderung seit der Jahrtausendwende. Wie umgehen mit den hohen Zinsen, nachdem man jahrelang mit billigem Geld fettgefüttert wurde? Für uns als Aktionäre stellt sich die Frage: Welche Risiken, aber auch Chancen gehen mit der aktuellen Krise einher? Lohnt es sich in einer Krise, die sogar Branchengrößen wie die Signa Gruppe in die Knie zwingt, zu investieren? Der folgende Artikel analysiert die Zins-Entwicklung und die Auswirkung auf große Immobilienwerte. Ferner soll der Artikel die Chancen und Risiken einer Investition in Immobilienwerte aufzeigen.   

Kehrtwende in der Zinspolitik

Um die Finanzkrise Ende der 2000er Jahre zu überwinden hat der damalige Präsident der europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet eine Entscheidung getroffen, die es so davor nie gab. Die Wirtschaft war angeschlagen und brauchte Rückenwind. Und so wurde der Leitzins, also der Zins, zu dem sich große Geschäftsbanken Geld von der Zentralbank leihen, auf nahezu null geschraubt. Die Folge: Geliehenes Geld war quasi gratis und große Unternehmen konnten massiv investieren und so den Konsum ankurbeln. Da sich die Inflation lange Zeit trotzdem hartnäckig unter dem 2% Ziel gehalten hat, fühlte sich die EZB in ihrer Entscheidung gestärkt.
Doch all das hat sich am 21. Februar 2022, als Putin die Ukraine angegriffen hat, schlagartig geändert.

Westliche Nationen verurteilten entschieden das russische Vorgehen und antworteten mit massiven Sanktionen. Der Russe hat sich das jedoch nicht gefallen lassen und Europa da erwischt, wo es weh tut: bei der Energie. Nachdem Deutschland das Prestigeprojekt Nordstream 2 aufgekündigt hatte, drehte Putin nach und nach den Gashahn ab, bis schlussendlich kein Kubikmeter russisches Gas mehr nach Deutschland floss. Fatal, wenn man bedenkt, dass Deutschland zu dem Zeitpunkt etwa 64% seiner gesamten Gaslieferungen aus Russland bezogen hat (1). Putin hat die Aktion lange im Voraus geplant, denn die deutschen Gasspeicher waren zu Beginn des Krieges nur zu 25% gefüllt. (2) 
Umso größer die Blamage für die deutschen, die sich zu lange zu sicher gefühlt haben, dass das billige russische Gas für alle Ewigkeiten ohne Wenn und Aber zur Verfügung stehen wird. Doch nicht nur Deutschland, alle europäischen Länder, die mit Russland auf Konfrontationskurs gegangen sind, mussten sich vom billigen Gas verabschieden. So kam es innerhalb kürzester Zeit zu einem Energie Preisschock. Vor Beginn des Krieges lag der Gaspreis für den Großhandel bei knapp unter 50€ pro MWh. Im Juli zahlte der Großhandel bereits über 300 € pro MWh. (3) Die Folge: große Energielieferanten, die langfristige Verträge zu niedrigen Preis abgeschlossen haben, konnten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen oder mussten drastische Preiserhöhungen zu Lasten der Unternehmen und Verbraucher durchsetzen. Zahlte der Endkunde für Erdgas 2020 noch 6,03 Ct/kWh, fielen 2022 bereits 20,04 Ct/kWh an. (4) Auch die Unternehmen mussten drastische Preiserhöhungen für Gas akzeptieren. Wer konnte, gab die Mehrkosten über Preiserhöhungen an den Endkunden weiter. Wer nicht über genügend Preissetzungsmacht verfügte, musste angesparte liquide Mittel anzapfen. Wer während der fetten Jahre kein Geld zur Seite gelegt hat, ging vor den hohen Energiepreisen in die Knie, wie beispielsweise die traditionsreiche Weck Gruppe. Und so kam, was kommen musste. 

Getrieben von den hohen Energiepreisen, stiegen die Preise enorm an, die erste große Inflation seit Jahrzehnten suchte den Großteil aller westlichen Nationen heim. Im Oktober 2022 erreichte die Inflation für die gesamte EU mit etwa 11 Prozent ihren Höhepunkt. (5) Die großen Zentralbanken, allen voraus die amerikanische FED und die europäische Zentralbank (EZB) reagierten schnell. In der USA lag der Leitzins Anfang März 2022 bei 0,25%. Seitdem hat die FED den Leitzins unzählige Male erhöht. Ende 2022 lag dieser bereits bei 4,5%. Seit Juli 2023 lieg der Leitzins konstant bei 5,5%. Den Leitzins derart rasant anzuheben, ist nichts anderes als eine Kriegerklärung gegenüber der Inflation. Die EZB, die den Leitzins seit 2016 kontinuierlich auf 0 % hielt, holte ebenfalls zum Gegenschlag gegen die Preissteigerungen aus und erhöhte im Juli 2022 den Leitzins um 0,75%. In der EU hat der Leitzins im September 2023 seinen Höhepunkt bei 4,5% erreicht. 

Die Zentralbanken halten bis heute zähneknirschend an den hohen Leitzinsen fest, obwohl die Stimmen nach einer Leitzinssenkung insbesondere zum Ende des Jahres 2023 immer lauter wurden. Getrieben von den niedrigen Inflationsdaten verfielen die Märkte in einen Rausch, einen Rausch nach schnellen Zinssenkungen. (6) Im Oktober 2023 fiel der MSCI World in den Keller und konnte sich bei ca. 2730 Punkten stabilisieren. Doch Anleger waren begeistert von den niedrigen Inflationsdaten und spekulierten so den MSCI World auf Allzeithochniveau über 3200 Punkte. Doch die Zentralbanken blieben stark und zeigten Zähne gegenüber den Bullen. Immer wieder haben sowohl EZB als auch die FED die Erwartungen auf schnelle Zinssenkungen gedämpft. Anfang 2023 dann die Einsicht an den Märkten: Im Frühjahr 2024 ist nicht mehr mit Zinssenkungen zu rechnen. Die Märkte zeigten sich zu Jahresbeginn sehr nervös, konnten aber trotzdem die relativ hohen Kurse (beispielsweise beim S&P500, NASDAQ oder MSCI World) halten und sogar noch leicht steigern. Der Bullrun ist allenfalls vorüber. Am 31.01.2024 hat die FED den Daumen noch tiefer in die Wunde gedrückt und den Leitzins (erwartungsgemäß) unverändert gelassen. Kommenden Sommer könnte der Trend wieder Geschwindigkeit aufnehmen, nachdem die EZB vorsichtig erste Zinssenkungen im Sommer angedeutet hat. (7) 

Wie wirkt sich der Leitzins auf die Immobilienwirtschaft aus? 

Der Immobiliensektor ist einer der Wirtschaftszweige, der Veränderungen des Leitzinses am stärksten widerspiegelt. Das liegt daran, dass Immobilien nun mal teuer sind und in der Regel unter Einsatz von Fremdkapital (Krediten) erworben werden. 
Wenn das Fremdkapital sehr günstig ist, dann führt das zu Veränderungen auf Angebots- und Nachfrageseite. 

Die Nachfrageseite freut sich über einen niedrigen Leitzins, denn wenn die Geschäftsbanken das Geld günstig von der Zentralbank erhalten, können sie es auch günstig weiterverleihen. So haben die Niedrigzinsen dafür geführt, dass Verbraucher 2021 noch Kredite mit einem Zinssatz unter 1% ergattern konnten. Und wenn die Finanzierungskosten sinken, steigt die Nachfrage nach Immobilien. 

Die Angebotsseite freut sich natürlich über den Immobilien-Boom. Darüber hinaus führen niedrige Zinsen auch dazu, dass die Unternehmer bereits bei niedrigen Eigenkapitalquoten ihre Eigenkapitalrendite hochhebeln können. (Desto günstiger das Fremdkapital, desto größer der Leverage Effekt). 

Wenn aber der Leitzins steigt – insbesondere so schnell wie in jüngster Vergangenheit – dann ist das Gift für den Immobiliensektor. Die hohe Nachfrage der Verbraucher fällt ins unermessliche, da Verbraucher schlichtweg die Finanzierungskosten für neue Wohnungen nicht aufbringen können und auch institutionelle Investoren bei der erneuter Kalkulation geplanter Projekte zum Entschluss kommen, dass die geplanten Projekte nicht die gewünschte Rendite abwerfen werden. 

Viele Menschen unterschätzen die Auswirkungen von 1-2 Prozent mehr Zinsen, daher soll im Folgenden der Unterschied anhand eines Beispiels dargestellt werden. (www.zinsen-berechnen.de) 
Nehmen wir an eine junge Familie will ein Eigenheim für 500.000 € bauen, dafür nimmt sie einen Kredit über 20 Jahre auf. 2021 hätte die Familie bei einem Zinssatz von 1% nach 20 Jahren insgesamt 500.000€ Baukosten + 51.873€ Zinsen = 551.873 € Gesamtkosten gezahlt (Refinanzierung etc. unbeachtet). Würde die gleiche Familie heute ein Kredit aufnehmen, läge der Zinssatz bei etwa 3,68 %. Somit werden aus ehemals 51.873 € Zinsen mal eben 265.493 €. Die Gesamtkosten lägen also bei 765.493 €. Das Zauberwort hier ist Zinseszins. 

Kein Wunder also, dass sich die Nachfrage nach Doppelhäusern im Jahr 2023 etwa halbiert hat. Die Zahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser sind 2023 um 33% gesunken. Bei Doppelhäusern mal eben um über 50%. Und bei den großen Mehrfamilienhäusern um 28%. Insgesamt ist die Zahl der genehmigten Wohnungen von Januar bis August 2023 um etwa 28,3% zurückgegangen. (8)
Deshalb wurden mit Beginn der Inflation und der Zinswende die Aktien von so ziemlich allen großen Immobilientiteln und ETFs in den Keller geschickt. 

Entwicklung von Immobilienwerten während der Krise 

Der Markt hat schnell auf die Krise reagiert und die Bewertungen von großen Immobilienunternehmen fielen ins unermessliche. 
Die Vonovia Aktie lag vor Beginn der Krise bei etwa 47 Euro. Bis Oktober 2022 hat sich der Kurs halbiert und im März 2023 war eine Aktie des Unternehmens nur noch 16,70 € Wert. Doch nicht nur Vonovia, so ziemlich alle großen Immobilienunternehmen hat das gleiche Schicksal heimgesucht. 
Auch große ETFs wie beispielsweise der FTSE Developed Europe Real Estate ETF von XTrackers ist mal eben von 30€ auf 18 € gefallen. 
Die Verunsicherung an den Märkten war enorm, auch wenn sich die Werte mittlerweile - in Erwartung auf baldige Zinssenkungen - etwas erholen konnten.
 
Für uns als Aktionäre stellt sich genau hier die bekannte Frage: Sollen wir bei so niedrigen Kursen einsteigen, oder ist das Risiko nach wie vor zu hoch? 

Kurzfristige Risiken 

Die derzeit niedrigen Kurse sind zwar sehr verlockend, aber welche Risiken stehen einem Investment derzeit im Weg?

Das größte Risiko ist nach wie vor das Thema Schulden. Die großen Immobilienwerte wie beispielsweise Vonovia sind hoch verschuldet. Laut Zwischenbericht für 2023 von Vonovia liegen die originären Verbindlichkeiten bei 40,39 Mrd. Euro. Das EBITDA wird 2023 knapp 2,5 Mrd. Euro betragen (interpoliert auf Grundlage des Quartalsbericht Q3/2023). Die Verschuldung entspricht also etwa dem 16,15-fachen EBITDA. Vonovia kommt hier noch gut davon im Vergleich zu LEG Immobilien, die gemäß dem 3. Quartalsbericht 2023 mit dem 59,5-fachen EBITDA verschuldet sind.

Das wirkt im ersten Moment erschreckend, doch bei Immobilienunternehmen sollte die Verschuldung immer im Verhältnis zum Immobilienwert betrachtet werden, und da sieht es schon ganz anders aus. Vonovia liegt hier bei 46,8 %, LEG bei 43%.
Ich betrachte die Schuldenquote jedoch gerne im Verhältnis zum EBITDA, um zu sehen, ob die Unternehmen den notwendigen Cashflow zur Kredittilgung aus dem operativen Geschäft erwirtschaften können oder ob gute Immobilienwerte veräußert werden müssen. Und hier sieht es mau aus. Auch wenn die Unternehmen von den höheren Mieten, die mit Inflation und Wohnungsmangel einhergehen, profitieren können, sind die anderen Sparten der Unternehmen (Wohnungsbewirtschaftung, Projektentwicklung etc.) eingebrochen.
Im dritten Quartalsbericht schreibt Vonovia, dass aufgrund der aktuellen Marktlage das Investitionsvolumen für Neubauprojekte eingeschränkt wurde. Die Projektentwicklungs-Sparte des Unternehmens hat für Q3/2023 ein bereinigtes EBITDA von 28 Mio. € ausgewiesen, im Vorjahreszeitraum lag dieses noch bei 122,1 Mio. € (-77%). Die Bewirtschaftungssparte „Value-Add“ ist um 41,5 Prozent auf 73,3 Mio. Euro gesunken. Ähnlich sieht es bei den anderen big Playern der Branche aus.
 
Daher kommen die großen Unternehmen nicht daran vorbei einen Teil ihres Portfolios zu verkaufen, um Verbindlichkeiten zahlen zu können. Infolge der Krise haben Immobilien jedoch an Wert verloren. Im dritten Quartal 2023 sind die Immobilienwerte im Vergleich zum Vorjahresquartal um 10,3 % gesunken, nach Angaben des statistischen Bundesamts. Daher ist es fraglich, ob die Unternehmen in der Lage sind die Immobilien zum Buchwert zu verkaufen oder ob hier große Abschläge gemacht werden müssen.
Außerdem stellt sich die Frage, was für Wohnungen da überhaupt verkauft werden. Die alten sanierungsbedürftigen „Schrott“-Immobilien, oder die gutgelegenen modernen Wohnhäuser, die in Zukunft vielleicht gute Renditen einbringen könnten? Für erstere sehe ich persönlich derzeit keinen Markt, der bereit ist Preise nahe des Buchwertes zu zahlen (insbesondere mit Blick auf die hohen Sanierungs- und Finanzierungskosten). Für letztere schon eher, aber was passiert nach der Krise? Sehen wir dann große Immobilienkonzerne, die auf gutdeutsch gesagt ein riesiges Portfolio Scheiße haben, weil die guten Wohnungen veräußert werden mussten? Vonovia hat seit Beginn der Krise Wohnungen im Milliarden Wert verkauft, das meiste davon laut eigener Aussage etwas unter Buchwert, zum Beispiel an große Investoren wie CBRE Investment Management. Die Zukunft wird zeigen, wie sich derzeitige Verkäufe auf künftige Mieteinnahmen auswirken werden.
 
Ein weiteres Problem ist, dass Kredite irgendwann refinanziert werden müssen. Denn in der Regel, kriegt man von der Bank nur einen festen Zinssatz für einen bestimmten Teil der Gesamtsumme. Die Summe, die nach Ablauf einer festgelegten Frist übrigbleibt, wird dann auf einen Schlag beglichen oder es werden neue Konditionen für die Rückzahlung vereinbart. Wenn zum Zeitpunkt der Refinanzierung der Leitzins weiterhin niedrig ist, dann verändern sich die neuen Konditionen (ergo der neue Zinssatz) in der Regel nicht. Wenn aber der Leitzins zwischenzeitlich mal eben einen Bullrun hingelegt hat, vervielfachen sich die Finanzierungskosten auf einen Schlag. 

Ein weiteres großes Problem stellt die Beschaffung von neuem Fremdkapital dar, und das Problem haben sich die Unternehmen zumindest teilweise selbst eingebrockt, das Zauberwort hier heißt financial engineering. Unter financial engineering fallen alle Maßnahmen, die dafür sorgen, dass die Bilanz eines Unternehmens durch buchhalterische Tricks mehr oder wenig künstlich aufgeblasen wird, so dass unterm Strich satte Gewinne ausgewiesen werden können, obwohl das Unternehmen eigentlich rote Zahlen schreibt. 
Es gibt ein Unternehmen, dass diese Praxis an die Spitze getrieben hat, die Signa Gruppe. 
Zu Zeiten von niedrigen Zinsen hat die Signa Gruppe jedes Jahr ihre Bestandsimmobilien neu bewerten lassen. Durch den Immobilienboom sind die Werte der Immobilien jedes Jahr stark gestiegen. Diese Wertgewinne dürfen positiv in der Bilanz verbucht werden. Das ist an sich eine normale Geschäftspraxis und nichts Verwerfliches. Das Problem daran ist nur, dass Unternehmen wie Signa, durch das operative Geschäft unterm Strich kein Geld verdient haben. Die positiven Bilanzen sind einzig auf die Wertsteigerung der Immobilien zurückzuführen. Das zeigt sich beispielsweise dadurch, dass Signa 2021 einen Umsatz von 438 Mio. Euro bei einem Gewinn von 732 Mio. Euro ausgewiesen hat. (9) Gute Bilanzen verschafften den Unternehmen neue Kredite, wodurch wieder neue Immobilien gekauft, und Verbindlichkeiten bedient werden konnten. Doch wenn sich das Marktumfeld ändert und die Nachfrage nach Immobilien sinkt, dann sinkt auch der Wert für die Immobilien der Signa Gruppe und das Kartenhaus fällt in sich zusammen. Innerhalb kürzester Zeit nach Anstieg der Zinsen musste Signa Insolvenz anmelden, zu Lasten der Aktionäre und Gläubiger.  
 
Doch Signa ist kein Einzelfall in der Branche. Fast alle großen Immobilienkonzerne betreiben diese Praxis seit Jahren, manche mehr, andere weniger, aber jeder so ein bisschen. Vielleicht ist eine Marktbereinigung, wie sie derzeit stattfindet, ein Weckruf für alle noch profitablen Unternehmen, Abstand von so einer Geschäftspraxis zu halten und ein Denkzettel für all jene Signas der Branche, dass keine Taschenspielertricks der Welt langfristig das Überleben eines Unternehmens sichern können, wenn kein Geld verdient wird. 
Hierbei muss ich jedoch erwähnen, dass Unternehmen wie Vonovia und LEG Immobilien relativ stabile Quartalsberichte aufzeigen, bei denen sich die Wertverluste für Immobilien nicht als existenzbedrohend darstellen.  

Langfristige Risiken 

Langfristig müssen aber auch gesellschaftliche Entwicklungen unabhängig von der Finanzierungsfrage betrachtet werden. Und hier sind vor allem gewerbliche Immobilien im Fokus.
Seit Corona haben viele Unternehmen das Thema Homeoffice für sich entdeckt. Lag der Anteil der im Homeoffice arbeitenden Beschäftigten 2019 noch bei 13%, so lag er 2022 infolge von Corona bereits bei 24%. (9.1) Laut einer Studie der Hans Böckler Stiftung möchten 75% aller Befragten, die durch Corona mit Homeoffice in Kontakt getreten sind, weiterhin zumindest einen Teil ihrer Arbeit von Zuhause erledigen. (10)
 
Ernst & Young hat 2020 unter Entscheidungsträgern von Immobilienunternehmen eine globale Studie durchgeführt, um die Folgen für Immobilienwerte einschätzen zu können. Für Büro-Flächen erwarten knapp 75% der Befragten sinkende Immobilienwerte aufgrund von sinkender Nachfrage, da viele Unternehmen während Corona gemerkt haben, dass sie unter der Nutzung von Homeoffice mit viel weniger Fläche zurechtkommen würden. 
Das gleiche gilt auch für Handelsflächen, da hier – ebenfalls durch Corona befeuert – der Trend zum Onlinehandel geht. (11) 

Wobei hier unterschieden werden muss, da beispielsweise Verkaufsflächen für den Lebensmittelhandel systemrelevant sind und daher auch in Zukunft Nachfrage bestehen wird. Große Kaufhäuser wie z.B. Galeria Karstadt dagegen zeigen, dass Onlinehandel zunehmend den lokalen Einzelhandel verdrängt.  
Am stärksten zeigt sich die Krise der gewerblichen Immobilien in den USA. Knapp 20% aller Büroflächen stehen Leer aus genannten Gründen. (12) 
Daher würde ich persönlich langfristig die Finger lassen von gewerblichen Vermietern, zumindest bei den klassischen Büropark-Unternehmungen. 

Mögliche Chancen eines Investments 

Ungeachtet der aufgeführten Risiken sind die aktuell günstigen Bewertungen jedoch sehr verlockend.  Daher möchte ich auch mögliche Chancen eines Investments im Folgenden beleuchten.   

Immobilieninvestment als Wette auf sinkende Zinsen
 
Derzeit ist der Zins das größte Problem für die betrachteten Unternehmen. Wenn der Zins in naher Zukunft also wieder sinkt, könnten die Kurse wieder steigen und im besten Fall Vorkrisenniveau erreichen. Die Frage aller Fragen ist nur, wann wird der Zins sinken?
Die Bullen spekulieren bereits seit Ende des letzten Jahres auf baldige Zinssenkungen. Zuerst haben sie eine Absage von der EZB und diese Woche von der FED erhalten. Während die EZB ganz vorsichtig mögliche Zinssenkungen im Sommer angedeutet hat, bliebt die FED sehr wage in ihrer Formulierung.
Das hat den Markt aber nicht all zu sehr aus dem Konzept gebracht. Indizes wie der S&P, MSCI World oder der NASDAQ100 halten sich stabil nahe des Allzeithochs auf. Die Inflationsdaten geben den Bullen nämlich Rückenwind. Erst diese Woche die Meldung von der europäischen Kommission: Die Inflation im Januar 2024 sinkt auf 2,8% im Euroraum im Vergleich zu 2,9% im Dezember 2023.

Somit scheinen mögliche Zinssenkungen in diesem Jahr zumindest nicht abwegig. Doch es ist auch klar, dass die Zinsen werden nicht so schnell sinken, wie sie gestiegen sind. Zu hoch ist die Gefahr einer wieder zunehmenden Inflation – meiner Meinung nach.
Im besten Falle können wir mit 25-50 Basispunkten rechnen, eher mit 25 aus meiner Sicht, wenn man betrachtet, wie vehement die Zentralbanken bislang an der strengen Zinspolitik festgehalten haben.

Wenn wir von so „geringen“ Zinssenkungen ausgehen, dann stellt sich noch eine letzte Frage: Sind die bereits in aktuellen Kursen eingepreist?
Betrachten wir den FTSE Developed Europe Real Estate ETF von XTrackers. Seinen Tiefpunkt hat er Anfang Oktober 2023 bei etwa 17,71 € erreicht. Bis Dezember trieben die Zinsspekulationen den ETF auf ein 52-Wochen Hoch von 23,81 €. Ein plus von fast 35%. Nach den Absagen der Zentralbanken ist er Mitte Januar auf 21,86 € gefallen und kann sich mittlerweile bei 22,27 € halten. Das bedeutet, dass der ETF dem Tief im Oktober 2023 um 25,75 % gestiegen ist. Das ist meiner Meinung nach ein Zeichen dafür, dass zumindest erste Zinssenkungen bereits vom Markt eingepreist wurden.
Doch mittelfristig sehe ich sinkende Zinsen - selbst bei jetzigem Einstieg – als möglichen Wachstumsfaktor. Schließlich war der Kurs vor dem Ukrainekrieg bei über 30€, gleiches gilt für Corona. 

Immobilien sind Systemrelevant - Wohnungen werden immer benötigt

Abgesehen von der Finanzierungsfrage, können Aktien von Immobilienunternehmen langfristig solide Wachstumschancen bieten, da sie von verschiedenen Faktoren profitieren können. 
Zunächst einmal sind Immobilien ein grundlegender Bestandteil der Wirtschaft und Gesellschaft, was langfristige Nachfrage sicherstellt. Die steigende Bevölkerungszahl und der Bedarf an Wohnraum und Infrastrukturprojekten könnten das Geschäftspotenzial für Immobilienunternehmen stetig steigern. Der deutsche Mieterbund hat erst vor kurzem ausgerechnet, dass alleine in Deutschland derzeit 910.000 Wohnungen fehlen. 

Des Weiteren könnten technologische Entwicklungen und Trends wie Remote-Arbeit das Interesse an Wohnimmobilien in suburbanen Gebieten und kleinen Städten steigern. Immobilienunternehmen, die sich auf flexible und nachhaltige Lösungen konzentrieren, könnten in dieser sich verändernden Landschaft gut positionieren. Sollte sich Homeoffice wirklich weiter durchsetzen (ich persönliche glaube daran), dann würden ländliche Gebiete viel interessanter werden. Da steckt noch sehr viel mögliches Wachstumspotential drin. 

Aber im Endeffekt obliegt es – wie immer am Aktienmarkt – euren persönlichen Präferenzen und Überzeugungen, ob ihr hier ein Investment tätigt oder nicht. Ich persönlich bespare seit Oktober 2023 den FTSE Developed Real Estate, da für mich persönlich die Chancen mögliche Risiken aufwiegen.

Fazit

Zusammenfassend zeigt der Artikel, dass der Immobiliensektor durch die vergangenen Zinsänderungen vor Herausforderungen steht. Die steigenden Zinsen belasten die Finanzen großer Immobilienunternehmen.

Kurzfristig ergeben sich einige Probleme, darunter hohe Verschuldung, Unsicherheiten im gewerblichen Immobilienmarkt und die Energiekrise. Besonders Büroflächen sind von Leerständen betroffen, da sich Arbeitsmodelle ändern.

Trotz dieser Herausforderungen eröffnen sich auch Möglichkeiten, wie die Anpassung an flexible Arbeitsmodelle, enorme Nachfrage nach Wohnobjekten und potenziell neue Trends im Wohnverhalten.

Das Fazit lautet: Investoren sollten die Entwicklungen aufmerksam verfolgen, ihre finanzielle Situation im Auge behalten und flexibel auf Veränderungen reagieren. Der Immobilienmarkt mag turbulent sein, aber mit einer klugen Strategie lassen sich gute Ergebnisse erzielen. 

 

Quellen:
(1)   https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1302674/umfrage/russischer-anteil-am-deutschen-gasimport/
(2)   https://www.rnd.de/politik/wie-viel-gas-hat-deutschland-der-aktuelle-fuellstand-der-gasspeicher-UBEZCRQ6HBHBXHOJH6SU7GXOWI.html
(3)   https://www.effizienzhaus-online.de/gaspreis-aktuell/
(4)   https://www.vergleich.de/gaspreise.html
(5)   https://de.statista.com/infografik/30501/entwicklung-der-inflation-in-europa/
(6)   https://finanzmarktwelt.de/fed-zinsen-maerkte-in-ekstase-aber-vorsicht-expertenmeinung-294405/
(7)   https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/leitzins-ezb-chefin-christine-lagarde-haelt-senkung-im-sommer-fuer-wahrscheinlich-a-24b9d7ab-55c7-4fa3-b6b6-1ac0f072f39e
(8)   https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/10/PD23_412_3111.html
(9)   https://www.capital.de/wirtschaft-politik/rené-benkos-signa---die-haben-ihr-vermoegen-hochbewertet--34381872.html#:~:text=Da%20sehe%20ich%2C%20dass%20die,die%20haben%20ihr%20Vermögen%20hochbewertet.
(9.1)  Homeoffice: Arbeitsort für knapp ein Viertel aller Erwerbstätigen im Jahr 2022 (bildungsspiegel.de)
(10) https://www.boeckler.de/de/auf-einen-blick-17945-Auf-einen-Blick-Studien-zu-Homeoffice-und-mobiler-Arbeit-28040.htm
(11) https://www.ingenieurmagazin.com/bauen-immobilien-stadt/gewerbe-immobilien/4364/
(12) https://finanzmarktwelt.de/immobilien-steht-der-markt-fuer-us-gewerbeimmobilien-vor-einem-crash-286043/#:~:text=Mit%20einer%20Leerstandsquote%20von%20fast,einen%20Crash%20am%20Immobilienmarkt%20befürchten